KYMCO MyRoad 700i

scooterundsport.de 11-12 / 2011

Reifeprüfung

Was lange währt, wird endlich gut. Fünf Jahre nach ersten Auftritten traut sich Kymco endlich seinen MyRoad.

KYMCO MyRoad 700i Selten zuvor wurde ein Scooter so lange angekündigt. Ende 2006 gab's den Motor als Schnittmodell auf der lntermot Köln zu sehen, ein Jahr später in Mailand den fertigen MyRoad. Dann wurde es ruhig um den Boliden, immer wieder drangen aber News durch. Von geheimen Testfahrten auf deutschen Autobahnen etwa. Von der Detailversessenheit der Taiwaner, die sich immer noch mehr Laufkultur wünschten. Wahrscheinlich wurde kein anderer Maxi-Brummer vor dem Erstverkaufstag so penibel durchgeprüft. Was für die Zuverlässigkeit Gutes hoffen läßt, zumal Kymco sich hier in allen anderen Klassen bereits Meriten verdiente. Ab Februar wird er nun bei den Händlern stehen, kommt weitgehend zeitgleich mit dem BMW. Es tut sich was in der jahrelange eher stillen Szene der Maxi-Scooter.

Kosten: Einen offiziellen Preis gibt's noch nicht, wir rechnen mit rund achteinhalbtausend Euro. Bei der Wartung legt Kymco Traumwerte vor. Zwar muß der 700er alle 6.000 km zur Inspektion, aber mit wenig Zeitaufwand. Alle 12.000 km kommt die große Inspektion, alle 24.000 km müssen die Ventile eingestellt werden. Selbst dieser größtmögliche Kundendienst ist mit nur 150 min eingeplant. Beim Verbrauch verrieten uns die Techniker des deutschen Importeurs MSA in Weiden/Opf, sehr exakte Werte. 4,8 l bei Sparfahrt auf der Landstraße, maximal 7,4 l gönnt sich der Zweizylinder bei Vollgas Autobahn. In der Praxis dürfte sich der Kymco bei rund 6 l pro 100 km einpendeln. Was unseren Erfahrungen im Dauertest mit T-Max und Silver Wing entspricht.
Insgesamt bleibt der MyRoad beim Unterhalt im Durchschnitt, Wartung und Anschaffung liegen günstiger als bei den japanischen Zweizylindern.

Ergonomie: lm Stil der Zeit gehalten, d.h. Mittelgroße sitzen kommod, während es Langhaxerten um 1,90 m zu eng vorkommt. Kleine unter 1,70 m haben mit dem massigen Scooter ihre liebe Mühe, weil Mitteltunnel und Trittbretter sehr breit bauen. Chef im Ring ist die Sozia, dank super Sitzpolster und großer Klapprasten. Die üb rigens per Hebel im Cockpit ausfahren. Der Wetterschutz entspricht jenem der Konkurrenz, wobei es hinterm Windschild erfreulich wenig zieht.

Handhabung: Alles flutscht und funktioniert perfekt, das kann Kymco gut. Der Blinkertacker ist unüberhörbar. Ein solches Monstrum hätte eine lautere Hupe verdient. Zentrales Erlebnis am MyRoad ist jedoch die Beherrschung seines Gewichts und der mächtigen Ausmaße beim Rangieren. Da ist ständige Konzentration gefragt, rückwärts leicht bergauf zum Einparken schieben wird ein Kraftakt. Knapp 300 kg sind halt kein Pappenstiel. Umso höher ist das einfache Aufbocken zu bewerten, auch die tollen Spiegel erfreuen immer wieder. Erwähnenswert: Im Cockpit mahnt ein Warnlicht "speed" ab 150 km/h. Mechanisch handfest und nützlicher finden wir Parkbremse und einstellbare Bremshebel.

Motor: Der völlig neue entwickelte Zweizylinder ist ein typischer Twin und besitzt zur Dämpfung von Vibrationen zwei Ausgleichswellen. Sie werden über sog. Nullspielzahnräder angetrieben, was für exakte Abstimmung sorgt. Zwei obenliegende Nockenwellen, Ventilbetätigung über Tassenstößel und vier Ventile pro Zylinder kennzeichnen das Hochleistungstriebwerk. Sein Motorblock sitzt fest im Rahmen, die Variomatik ist als Schwinge ausgebildet. Das sorgt für niedrigere ungefederte Massen und damit für bessere Fahrdynamik.
Wie es sich für einen heutigen Einspritzer mit G-Kat gehört, hängt der Antrieb sofort am Gas und dreht munter hoch. Das können andere nicht besser. Sofort präsent ist die Geräuschkulisse, selbst beim Wenden mit wenig Gas tönt der Motor vernehmlich durchs Plastik aus dem Mitteltunnel. Das kann man mögen, oder nicht. In Fahrt läßt sich der Antrieb nicht lumpen und schiebt auch doppelt besetzt bergauf druckvoll an. Vibrationen entwickelt er in der Tat auch bei hohen Drehzahlen keine, die penible Arbeit der Kymco-Ingenieure ist hier spürbar. Kein Zweifel, wäre dieses Triebwerk in einem Honda, Suzuki, Yamaha oder auch BMW, wir würden keinen Unterschied bemerken. Angesichts dieser Darstellung technischen Könnens kann man gespannt auf die nächsten Kymco-Motoren sein.

Fahrwerk: Satte 170 km/h Topspeed stehen in den Papieren . Damit nichts anbrennt, fährt der MyRoad volles Programm auf. Die Telegabel ist wie bei Motorrädern in zwei Gabelbrücken geklemmt, das ist stabil. In jeder von uns ausprobierten Lage liegt der schwere Großroller wie das sprichwörtliche Brett. Sicher beim Einlenken, satt in der Kurve und beim Herausbeschleunigen. Lenkerflattern gibt's nicht. Die Bremsanlage mit ABS hat den schweren Brocken sicher im Griff. Dosierbarkeit und Wirkung sind der Oberklasse angemessen. Kymco hält die Bremsen vorn/hinten klassisch getrennt, also keine Kombi. Das erlaubt aktives Fahren, läßt dem Fahrer die Herrschaft über sein Bremsverhalten. Das ABS haben wir auf halbnassem Asphalt ausgiebig gefordert und sind zufrieden. Selbst im Regelbereich zieht der MyRoad sauber seine Spur und wird nicht unruhig. Ein Schmankerl fährt Kymco mit der 3fach einstellbaren Dämpfung von Federbeinen und Telegabel auf. Soft/Medium/Hard läßt sich per Knopfdruck am rechten Lenkstock wählen. Auf den holprigen kleinen Straßen rund um Marienbad/Tschechien, Ort der Präsentation Mitte Oktober, gefielen uns soft und medium. Hard wird die anspruchsvolle Gilde der Großrollerfahrer nur auf topfebenen Neustraßen wählen.

Ausstattung: Zwei Integralhelme passen untern Sitz, prima. Eine Zuladung von 172 kg ist für Reisende grenzwertig, spätestens mit Montage eines Topcase. Weil die Verarbeitung auf gewohnt hohem Kymco-Niveau liegt, sollte hier nichts anbrennen. Die Kundschaft, nach fünf Jahren langen Wartens darf sie jetzt zugreifen.

FAZIT:
Der MyRoad ist für Kymco ein Meilenstein, die Taiwaner sind jetzt auch bei den schweren Zweizylindern auf Augenhöhe mit Honda & Co.

Kymco-Multizündschloß - Dämpfungs-Verstellknopf - Erstklassige Rückspiegel - LED-Lampen am Heck
Praktisches Ölschauglas - Tiefes Handschuhfach - Ttittbretter nur schmal - Hebel für Fußrasten


Der größte Kymco-Scooter ist zugleich der schwerste aller Zeiten. Selbst in Fahrt kein Luftikus, sondern mit satter Straßenlage. Ein saftiger Brocken Scooter mit viel Prestige!

Plus
  • Fahrleistungen, Fahrwerk, Federung, Bremsen, ABS, Stauraum, Verarbeitung

Minus
  • Gewicht, Rangieren, Wenden, Ergonomie für Kleine, Zuladung

Techn. Daten
Motor Wassergekühlter Zweizylinder Viertaktmotor, Bohrung x Hub 76,9 x 75,3 mm, Hubraum 699,5 cm3, DOHC 2 obenliegende Nockenwellen, 4Ventile/Zyl. Elektr. Saugrohr-Einspritzung, Saugrohr-Ø k.A., Verdichtung 10,5. G-Kat, Generator 300W, Batterie 12,0 Ah
Leistung 43,3 kW/58,8 PS bei 7.250/min, Drehmoment 62,7 Nm bei 6.OOO/min
Kraftübertragung Fliehkraft-Trockenkupplung, stufenlose Variomatik, Zahnrad-Endgetriebe
Fahrwerk Geschweißter Stahlrohrrahmen, Telegabel, Ø 41 mm, Dämpfung 3fach elektr. einstellbar, Federweg 108 mm. Motorblock fest, Variomatikgehäuse als Schwinge, 2 Federbeine, Dämpfung 3fach elektr. einstellbar, Federweg 96 mm. ABS, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 280mm, Zweikolbenzangen, Scheibenbremse hinten, Ø 240 mm, Zweikolbenzange, Alufelgen, Reifen 120/70-15 vorn 160/60-14 hinten
Maße / Gewichte Lenkerhöhe k.A., Lenkerbreite k.A., Sitzhöhe 780 mm, Trittbretthöhe k.A., Radstand 1.623 mm, Gewicht vollgetankt 292 kg, Radlastverteilung v/h kA, Zuladung 172 kg
Ausstattung E-Starter, Startautomatik, Licht 3xHalogen 55 W, 2 Rückspiegel, Haupt-/Seitenständer, beleuchtetes Helmfach, Handschuhfach, Windschild, elektr. Wegfahrsperre, Cockpit mit Tacho, Uhr, Tankuhr, Kühlwassertherrnometer, Drehzahlmesser, Tageskilometerzähler
Service alle 6.000 km
 

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